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Repatrio

Vom englischsprachigen Medizinstudium in Polen zurück nach Deutschland

Breslau, Danzig, Stettin: Warum deutsche Medizinstudierende aus englischsprachigen Programmen in Polen den Wechsel nach Deutschland planen.

Von Dimitar Dimitrov · Stand: Oktober 2026 · 6 Min. Lesezeit

Das Wichtigste in Kürze

  • Die räumliche Nähe zu Deutschland verkürzt den Weg zur Anerkennung nicht, Polen hat ein eigenständiges Hochschulsystem.
  • ECTS-Punkte messen den Arbeitsaufwand, nicht den Inhalt. Für die deutsche Anrechnung nach § 12 ÄApprO zählt, was in den einzelnen Modulen gelehrt wurde.
  • In Stettin dauern die naturwissenschaftlichen Grundlagen drei Jahre, in Deutschland liegt das Physikum nach zwei Jahren. Solche Verschiebungen führen zu Auflagen.
  • Das Studium in Polen sollte bis zur deutschen Immatrikulation regulär weiterlaufen.

Studierst Du in Breslau, Danzig oder Stettin Medizin, hilft Dir die Nähe zu Deutschland beim Alltag, aber nicht bei der Anerkennung: Das Landesprüfungsamt prüft jedes Fach einzeln, ECTS-Punkte sagen dafür nur bedingt etwas aus, und der Bescheid enthält bei polnischen Leistungen häufig Auflagen.

Wenige Autostunden von der Grenze entfernt zu studieren, ist ein zweischneidiges Schwert. Praktisch ist es angenehmer als in einem weit entfernten Land. Akademisch bist Du aber in einem eigenständigen Hochschulsystem mit eigenen Studien- und Prüfungsregeln. Die geografische Nähe spart Fahrtzeit, aber keine Verfahrensdauer.

Warum Studierende aus Polen zurückwollen

Die Nähe täuscht darüber hinweg, dass ein englischsprachiges Studium im Ausland trotzdem eine eigene akademische Laufbahn ist: mit eigenen Kosten, einem eigenen sozialen Umfeld und Abstand zu Familie und Freunden. Hinzu kommt ein nüchternes Argument. Ein deutscher Abschluss erspart später Fragen bei der Bewerbung um Assistenzarztstellen oder bei der Approbation.

Wie ein polnisches Programm aufgebaut ist

Die Pommersche Medizinische Universität in Stettin beschreibt ihr englisches Medizinstudium ungewöhnlich detailliert. Es dauert sechs Jahre mit zwölf Semestern und insgesamt 5 710 Stunden Vorlesungen und Übungen, jedes Studienjahr bringt 60 ECTS. Die ersten drei Jahre laufen im Semestersystem und behandeln morphologische Fächer, wissenschaftliche Grundlagen und präklinische Fächer. Das vierte und fünfte Jahr sind als Blocksystem organisiert. Das sechste Jahr besteht nur aus 30 Wochen Praxis in Innerer Medizin, Pädiatrie, Chirurgie, Gynäkologie und Geburtshilfe, Psychiatrie, Notfallmedizin und Allgemeinmedizin, dazu sechs Wochen in einem Wahlfach. Der Abschluss ist ein Master mit der Berufsbezeichnung „lekarz“.

Neben dem rein englischen Studiengang bietet Stettin ein Programm für deutsche Staatsangehörige an, das in Kooperation mit Kliniken der Asklepios-Gruppe in Schwedt und Pasewalk läuft. Die ersten drei Jahre sind laut Universität auf Englisch, ab dem vierten Jahr ist praktische Ausbildung in Deutschland vorgesehen, wofür fließendes Deutsch verlangt wird. Für die Anrechnung ändert das nichts am Grundsatz: Auch dieses Studium folgt dem polnischen Lehrplan und wird Fach für Fach geprüft.

Danzig bietet in seiner English Division ebenfalls ein sechsjähriges MD-Programm an, das sich nach Angaben der Universität an europäischen und US-amerikanischen Standards orientiert.

Wo der Vergleich mit Deutschland hakt

Die deutsche Approbationsordnung legt die Prüfungsabschnitte fest: den Ersten Abschnitt nach zwei Jahren, den Zweiten nach drei weiteren Jahren, den Dritten nach dem Praktischen Jahr. Der Erste Abschnitt umfasst laut § 22 ÄApprO Physik und Physiologie, Chemie und Biochemie, Biologie und Anatomie sowie Grundlagen der Medizinischen Psychologie und Soziologie. Wenn die polnischen Grundlagenfächer über drei Jahre verteilt sind, liegen einzelne Inhalte nach zwei Jahren schlicht noch nicht vor. Umgekehrt kann ein Fach, das Du in Polen früh hattest, in Deutschland zu einem späteren Abschnitt gehören.

Bei den ECTS-Punkten lohnt ein zweiter Blick. ECTS ist kein polnisches Sondersystem, sondern das Punktesystem des Europäischen Hochschulraums, so definiert es auch die Richtlinie 2005/36/EG. Die Punkte beschreiben den Arbeitsaufwand. Ob ein Modul inhaltlich einem deutschen Schein entspricht, verraten sie nicht. Wer mit „ich habe doch alle Punkte“ argumentiert, wird beim Amt wenig Gehör finden. § 12 ÄApprO verlangt Gleichwertigkeit, und die wird am Inhalt gemessen.

Als Orientierung für eine erste Schätzung: Zwei große und zwei kleine Scheine ergeben ungefähr ein Fachsemester, mehr dazu in der 2+2-Regel. Welche Leistungen aus dem Ausland überhaupt Aussicht auf Anrechnung haben, erklärt Anrechnung ausländischer Studienleistungen.

LEK, Staż und die EU-Richtlinie

Polen hat eine Besonderheit, die viele erst spät bemerken. Die Berufszulassung hängt dort nicht allein am Diplom. Das LEK, die staatliche ärztliche Abschlussprüfung, ist im polnischen Gesetz über die Berufe des Arztes und Zahnarztes geregelt. Antreten darf laut dem zuständigen Prüfungszentrum CEM, wer zehn Semester des sechsjährigen Studiums an einer polnischen Hochschule abgeschlossen hat. Die Prüfung kann auch in einer Fremdsprache abgelegt werden.

Die Richtlinie 2005/36/EG spiegelt das wider. Artikel 21 sieht die automatische Anerkennung ärztlicher Abschlüsse vor, wenn sie die Mindestausbildung nach Artikel 24 erfüllen: mindestens fünf Jahre und 5 500 Stunden. Für Polen nennt Anhang V neben dem Diplom mit dem Titel „lekarz“ ausdrücklich die Bescheinigung über die staatliche Abschlussprüfung (LEP beziehungsweise LEK) und die Bescheinigung über das abgeschlossene Postgraduierten-Praktikum (staż), mit Stichtag 1. Mai 2004. Wer in Polen fertig studiert, sollte das kennen, mehr dazu unter Plan B: im Ausland abschließen, Approbation in Deutschland. Für einen Wechsel mitten im Studium gilt diese Automatik nicht, dann bleibt es bei der Einzelprüfung nach § 12 ÄApprO.

Verschiedene Ämter, verschiedene Urteile

Die Bundesländer legen § 12 ÄApprO nicht identisch aus. Dieselbe polnische Studienleistung kann bei zwei Ämtern unterschiedlich ausgehen. Welches der 16 Ämter zuständig ist, hängt von Studiengang und persönlicher Konstellation ab, und genau diese Frage beantworten viele Bewerber falsch. Was im Bescheid steht, beschreibt der Ratgeber zum Anrechnungsbescheid; einen Überblick über das Amtsgeflecht gibt Zuständigkeit der Landesprüfungsämter.

Englische Nachweise: die übersehene Hürde

Wer englischsprachige Leistungsnachweise hat, muss sie so aufbereiten, dass das Amt sie nachvollziehen kann, häufig auch mit Übersetzung ins Deutsche. Das klingt nach Kleinkram und frisst im Alleingang oft genau die Wochen, die später für die Bewerbung fehlen. Ein Beispiel: Ein Modul trägt in Deinem Zeugnis nur einen Kurztitel, der Umfang steht in einem separaten Dokument. Ohne diese Zuordnung kann das Amt das Fach nicht einordnen, und eine an sich vorhandene Leistung fällt durch. Gerade im Blocksystem der höheren Jahre, in dem mehrere Fächer in einem Block zusammenlaufen, ist diese Zuordnung mühsam.

Der Blick auf den Kalender

Deutsche Universitäten nehmen Quereinsteiger zweimal im Jahr auf: zum Wintersemester in ungerade, zum Sommersemester in gerade Fachsemester. Polnische Programme folgen einem eigenen akademischen Kalender, in Danzig etwa beginnt das Programm laut Universität Ende September mit einer Orientierungswoche. Mach den Abgleich deshalb früh. Der richtige Wechselzeitpunkt erklärt, wie Du den Takt findest; wer das Physikum schon im Ausland abgelegt hat, liest zusätzlich Physikum im Ausland.

Das Studium in Polen läuft weiter

Bis die deutsche Immatrikulation feststeht, studierst Du dort regulär weiter. Zusätzliche Scheine verbessern die Ausgangslage, ein zu früher Abbruch riskiert ein Loch ohne Studienplatz. Gerade bei geografischer Nähe ist die Versuchung groß, vorschnell Schluss zu machen, weil “Deutschland ja gleich um die Ecke liegt”. Das Verfahren verkürzt das nicht. Dass die Bewerbung Deinen Platz in Polen nicht gefährdet, steht in Verlierst Du Deinen Auslands-Studienplatz bei der Bewerbung?

Warum der Alleingang selten funktioniert

Einer großen Zahl an Bewerbungen um ein höheres Fachsemester steht nur eine geringe Zahl freier Plätze gegenüber. Die Ursache ist nicht mangelnde Qualifikation, sondern die Kombination aus komplexem Anrechnungsrecht, unterschiedlicher Kapazität der Universitäten und uneinheitlicher Amtspraxis. Eine realistische Einordnung liefern der Chancen-Check und die Chancen im höheren Fachsemester.

Der Anerkennungsservice klärt auf Wunsch zunächst den Anrechnungsbescheid, danach übernimmt der Bewerbungsservice die Bewerbung. Ähnliche Fälle: Rückkehr aus Ungarn und Rückkehr aus Österreich, der Slowakei und Tschechien.

Quellen und Stand

Stand der Recherche: Oktober 2026

Häufige Fragen

Zählen meine ECTS-Punkte aus Polen für die Anrechnung in Deutschland?

Nur bedingt. ECTS ist das gemeinsame europäische Punktesystem, auch polnische Medizinstudiengänge vergeben 60 Punkte pro Studienjahr. Die Punkte beschreiben aber den Arbeitsaufwand, nicht den fachlichen Inhalt. Das Landesprüfungsamt prüft deshalb Fach für Fach, ob die Leistung einem deutschen Fach gleichwertig ist.

Warum ist die Anerkennung aus Breslau, Danzig oder Stettin nicht einfacher, obwohl Polen so nah liegt?

Weil es sich um ein eigenständiges polnisches Hochschulsystem mit eigenen Studien- und Prüfungsregeln handelt. In Stettin etwa folgen auf drei Jahre Grundlagen zwei Jahre Blockunterricht und ein praktisches sechstes Jahr, Deutschland teilt das Studium nach anderen Prüfungsabschnitten. Die Nähe spart Fahrtzeit, aber keine Verfahrensdauer.

Was ist das LEK und brauche ich es für den Wechsel?

Das LEK ist die polnische staatliche Abschlussprüfung für Ärzte, geregelt im polnischen Gesetz über die Berufe des Arztes und Zahnarztes. Antreten kann, wer zehn Semester des sechsjährigen Studiums an einer polnischen Hochschule abgeschlossen hat. Für einen Wechsel mitten im Studium spielt es keine Rolle, für die spätere Berufsanerkennung eines fertigen polnischen Abschlusses dagegen schon.

Sollte ich mein Studium in Polen aufgeben, sobald ich mich in Deutschland bewerbe?

Nein. Bis die deutsche Immatrikulation feststeht, sollte das Studium in Polen regulär weiterlaufen. Zusätzliche Scheine verbessern in aller Regel die Ausgangslage, ein zu früher Abbruch birgt das Risiko, ohne Studienplatz dazustehen.

Muss ich meine englischen Leistungsnachweise übersetzen lassen?

Englischsprachige Nachweise müssen in eine für das Landesprüfungsamt nachvollziehbare Form gebracht werden, häufig auch mit Übersetzung ins Deutsche. Im Alleingang kostet das oft die Zeit, die später für die Bewerbung fehlt. Der Anerkennungsservice von Repatrio nimmt Dir diese Aufbereitung ab.

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